High Vibes Only
Warum toxische Positivität uns nicht weiterbringt
Du scrollst durch Instagram. Alles ist auf „Good vibes only“ und den perfekten Lifestyle gepolt. Gefühlt leben alle ihr allerbestes Leben – strahlend, erfüllt, völlig im Flow. „Du musst nur Deine Frequenz erhöhen.“ „Es ist alles eine Frage Deiner Energie.“
Klingt motivierend, inspirierend, ja – sogar verlockend.
Ich schaue auf meinen Stapel angefangener Bücher, scrolle durch Podcasts über Glückseligkeit. Und fühle mich leer. Schlimmer sogar: Ich fühle mich ziemlich schlecht, weil alle anderen ihr bestes Leben leben und ich nicht.
Und genau das ist das Problem. Willkommen in der toxischen Positivität!
So – oder ganz ähnlich – ging es mir viele Male. Vielleicht kennst Du das auch.
Toxische Positivität beginnt dort, wo Hoffnung zur Pflicht wird.
Wo wir glauben, nur dann „richtig“ zu sein, wenn wir lächeln. Wenn wir unsere Traurigkeit in Dankbarkeit umdeuten, unsere Wut wegtanzen und unsere Zweifel mit Affirmationen überpinseln.
Die Psychologie beschreibt toxische Positivität als die Überbewertung positiver Emotionen – bei gleichzeitiger Ablehnung oder Vermeidung negativer Gefühle. Studien zeigen: Dieses Verdrängen erzeugt inneren Stress, emotionale Erschöpfung und kann sogar psychosomatische Beschwerden begünstigen.
Stell Dir vor: Du versuchst, die ganze Zeit positiv zu bleiben, obwohl Dein Nervensystem längst Alarm schlägt. Du kämpfst innerlich gegen Deine echten Gefühle – und versuchst gleichzeitig, möglichst lichtvoll zu wirken. Kein Wunder, dass Du am Abend erschöpft bist. Es ist ein innerer Dauerkonflikt – subtil, aber zermürbend.
Ich war auch da. In der Phase, in der ich glaubte, immer „in meiner höchsten Energie“ sein zu müssen. Vielleicht kennst Du solche Menschen – scheinbar immer strahlend, immer inspiriert, immer „über den Dingen schwebend“. Und Du fragst Dich: Wie machen die das?
Die Antwort: Sie machen es nicht. Es ist eine Illusion. Das zumindest glaube ich. Oder sie sind wirklich erfüllt und erleuchtet. In diesem Fall: Gratuliere.
Die Bliss-Bubble ist eine spirituelle Seifenblase. Alles wirkt leicht, lichtvoll und tief, aber nur auf der Oberfläche. Innen drin: verdrängte Trauer, überdeckte Wut oder schlicht eine emotionale Leere. Das Problem ist nicht das Glück. Sondern der Versuch, alles andere zu vermeiden. Spiritual bypassing in seiner Bestform.
Versteh mich nicht falsch: Natürlich sind echte positive Gefühle willkommen. Aber sie sind nicht immer da. Und das müssen sie auch nicht. Wenn wir anfangen, alles Unangenehme zwanghaft zu ersetzen – verlieren wir den Zugang zu uns selbst. Meine liebe Lehrerin brachte einmal dieses wunderbare Beispiel: Wir haben die Schöpferkraft, alle Eissorten dieser Welt zu schaffen und gleichzeitig auch die Möglichkeit alle auszuprobieren: Von Vanille über Erdbeere bis hin zu Scheiße. Was passiert aber, wenn wir immer nur das Eis mit Himbeerliebegeschmack essen und niemals jenes mit Scheißegeschmack?
Toxische Positivität ist äußerst anstrengend macht auf Dauer einsam.
Du traust Dich irgendwann nicht mehr, echt zu sein. Du verlernst, negative Emotionen überhaupt zuzulassen. Und irgendwann glaubst Du, Du bist das Problem – weil Du nicht „hoch genug schwingst“.
Doch das Gegenteil ist der Fall: Du bist nicht falsch. Du bist einfach ehrlich.
Wenn Du alles in Licht verwandelst, blendest Du den Schatten aus. Und damit einen Teil von Dir selbst. Das ist keine Heilung. Das ist Dissoziation mit Glitzerfilter.
Vielleicht brauchst Du gerade keine neue Morgenroutine. Keine weitere Technik. Keine stärkende Affirmation.
Vielleicht brauchst Du gerade Stille. Raum. Ehrlichkeit.
Vielleicht darfst Du heute einfach sagen: „Ich bin nicht okay.“
Und niemand – wirklich niemand – muss das lösen. Es darf jetzt einfach nur sein.
Denn echte Transformation geschieht nicht am Höhepunkt unserer Emotionen. Sie geschieht am tiefsten Punkt. Da, wo nichts mehr glänzt – aber alles echt ist. Wo du dieses Scheiße-Eis auch wirklich isst und es, so brutal es klingt, auch genießt!
In meiner Arbeit sehe ich es immer wieder: Frauen, die „alles gemacht haben“ – und trotzdem den Kontakt zu sich selbst verloren haben. Weil sie nicht mehr spüren, was echt ist. Sondern nur noch, was „hochwertig wirkt“.
Die Lösung ist kein weiterer Spiri-Hack.
Die Lösung liegt in dir, in der Erdung. In emotionaler Ehrlichkeit. Und in der Bereitschaft, auch mal nicht zu wachsen – sondern einfach nur zu sein.
1. Der Nicht-Okay-Tag
Mach heute bewusst einen Tag ohne positive Umdeutung. Wenn etwas nervt – dann nervt es. Wenn Du traurig bist – sei traurig. Schreib es auf. Ohne Filter. Ohne Story. Nur das Gefühl.
2. Körpercheck statt Mantra
Setz Dich hin. Atme. Spür Deinen Körper und in deine Seele. Frage sie ganz ehrlich: Was ist heute da, was gesehen werden will? Bleib genau dort. Schau hin und lausche, was du dir selber heute zu erzählen hast.
3. Schatten-Dialog
Nimm Dir 5 Minuten und schreibe aus Sicht eines Anteils in Dir, den Du sonst lieber wegdrückst (z. B. die Wütende, die Resignierte). Lass diesen Anteil sprechen, denn dahinter verbirgt sich immer eine gut gemeinte Absicht. Du wirst überrascht sein, was da alles rauskommt.
Du brauchst keine neue Vision, kein höheres Ziel. Das, was Du brauchst ist jemande, der Dir sagt: Du darfst fühlen. Alles. Und Du darfst Dich an Dein grenzenloses Potenzial zurückerinnern.
Wenn Du spürst, dass Du wieder in Verbindung mit Dir kommen willst – nicht nur in Licht, sondern auch in Tiefe – begleite ich Dich gern auf diesem Weg
Hier geht es zu meinem Coachingangebot. Ich freue mich auf Dich!
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